1.1 Vorwort 1

Der Autor, Bernd Müller …

Wissen Sie, wer diese Internetseite, wer diese Texte schrieb und schreibt? Natürlich nicht. Das Vorwort 1 soll bewirken, dass Sie wissen, wer diesen Text schrieb. Vielleicht hilft Ihnen diese Autorenvorstellung die Texte besser einzuschätzen.

Wenn jemand wie ich 70 Lebensjahre überblicken kann, geboren im Jahr des Kriegsendes, also die totale Zerstörung Deutschlands erlebte, dann kann man schon über eine Entwicklung berichten, die jeden von uns nachdenklich machen könnte. Ich habe mir erlaubt, kein Jubelsystemer zu sein, habe mir erlaubt, Dinge kritisch zu hinterfragen, habe mir erlaubt, meinen Kopf weitestgehend frei von 70 Jahren laufender Propaganda zu halten. Wenn man so will, ich habe meine jugendliche Bockigkeit und Frische nie aufgegeben.

In den ersten Lebensjahren sah ich täglich dieses zerbombte Deutschland. Auf dem Wege sah ich auch, wie junge Frauen, so alt wie meine Mutter, in den Trümmern Steine sammelten und sie diese in langer Reihe von Frau zu Frau wandern ließen, um sie auf den Bürgersteigen aufzustapeln.

Ich hatte die Aufgabe in unserer Familie, täglich allein eine Kanne Milch in einer Holzbaracke für zehn Pfennige zu holen, die die Bedienung hinter der provisorischen Theke aus einem Glas mit einer schrägen großen Öffnung grabbelte. Bei der Milch“tante“ bekam ich manchmal ein süßes rotes Bonbon; auf dem Wege nach Hause habe ich dann oft den verbeulten Aluminiumdeckel der Kanne geöffnet und einen tiefen Schluck an Milch „geklaut“.

Die Nachkriegsrealität: Wikipedia-Trümmerfrauen
#24 Die Nachkriegsrealität: Wikipedia-Trümmerfrauen

In der 68er Zeit habe ich erkannt, dass ich ein Kind der Gegenwart war, so bewusst habe ich die Zeit aufgenommen. Wir waren Kinder einer zerbombten Kindheit, Kindheit, die wir nicht verstanden und die von unseren Eltern zwanghaft neu gestaltet werden sollte. Unsere Eltern haben uns Kinder nicht „mitgenommen“, sie haben Wege erklärungslos bestimmt, ganz im Geiste ihrer Vergangenheit.

Zur Ehrenrettung der Eltern sei gesagt: sie sind im ersten Weltkrieg geboren und ihre Eltern, meine Großeltern, stammen aus der Kaiserzeit mit gänzlich anderem Weltbild. Es darf niemals vernachlässigt werden: einen Teil der Vergangenheit trägt jeder Mensch in sich; daher relativiert sich der Vorbehalt „ganz im Geiste ihrer Vergangenheit“.

Freiheit, ha! Hier hatte ich erstmals erkannt: vollkommen von äußeren Einflüssen sich zu separieren, das geht nicht. Daraus wuchs das Lebensprinzip: sei offen und bleibe dennoch kritisch mit dem, was andere von dir verlangen zu denken, zu empfinden, zu handeln. Ich gebe zu, dass ich oft genug Risse zwischen dem, was von außen kam und dem, wie ich empfand spürte.

Aus den Rissen in mir wuchs der besonders intensive Drang nach innerem Frieden und Freiheit und respektvolle Distanz zu den Eltern. So kam ich zur ständigen Suche der Lebensprinzipien im Austausch mit mir und denen Draußen, denen Draußen mit mir … und immer wieder lernen lebenslang.

Besondere Beziehung entstand zu meinem Großvater mütterlicherseits, Soldat im ersten Weltkrieg, dem ersten Textilingenieur unserer Stadt. Er hatte seinen Textilbetrieb aufgebaut und betrieb ihn mit höchster Intensität. Oft habe ich meinen Großvater gebeten ihm helfen zu dürfen.

Maikäfer, flieg!
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Pommerland.
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer, flieg!

Meine Mutter hatte im zweiten Weltkrieg ihre Meisterprüfung im Friseurhandwerk mit Bravour abgelegt und hatte kurz vor Kriegsende gegen den Widerstand der NSDAP aber mit Unterstützung der Industrie und Handwerkskammer Düsseldorf ein Damen-Friseurgeschäft übernommen. Der Kampf gegen die NSDAP- Funktionärsriege war ganz in der Historie der Familie: bereits der Vater meiner Mutter war verdeckter Gegner der NSDAP; er hatte, was damals eine Todsünde war, auf dem Speicher seines Wohnhauses die ehrenwerte SPD Fahne aufbewahrt.

Meine Mutter kämpfte sanft und beruflich sehr erfolgreich und hatte Kunden auch aus höheren gesellschaftlichen Kreisen. Dass der berufliche Erfolg nicht unbedingt auch gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Erfolg war, das lernte ich als Kind oft genug kennen. Es war zwischen den Eltern ein fast täglicher Dauerkonflikt: reicht das Ersparte für die Lebenssicherung im Alter.

Die geschäftliche Begeisterung über den Erfolg verdeckte oft kühles Nachdenken: Viele Jahre später berichteten meine Eltern immer noch, dass sie einmal eine reiche Fabrikantin nach dem Frisieren auf die Villa Hügel fahren mussten, weil ihr Chauffeur ausgefallen war.

Und ich erlebte als Kind, dass sanft zu kämpfen nicht nur beruflich sehr erfolgreich war. Wenn man die Kindheit zusammenfassen darf: ich bin in einem gutbürgerlichen Umfeld aufgewachsen. In jedem Jahr nach 1945 erlebte ich in meinem Elternhaus den wachsenden Wohlstand: jährliche Familienurlaube in Italien mit dem Auto, ein Wochenendhaus, der Sohn konnte ein humanistisches Gymnasium besuchen. In allen meinen Jahren, insbesondere in der Zeit, als auf der Schule das sogenannte Dritte Reich erwähnt wurde und die ewige Schuld versucht wurde einzuimpfen, begann ich zu opponieren: ich, der ich nach dem Zweiten Weltkriege aufgewachsen war, der im Bauch der Mutter, wie sie später erzählte, nach einem Bombenangriff die im Teer der “Friedrich Engels Allee” in Wuppertal verbrennenden Körper der Mitbürger nicht erleben musste, bin nicht für die Taten der Machthaber und Diktatoren der Zeit verantwortlich; ich bin auch nicht verantwortlich dafür, dass das gesamte mediale System systemtreu zum Diktator Hitler stand; ich bin auch nicht verantwortlich dafür, dass Juden ermordet wurden; ich bin auch nicht verantwortlich für Mordtaten im Ersten Weltkriege oder im Dreißigjährigen Krieg (irgendjemand könnte diese Betroffenheitskonzeption durchführen). Ich lehne Erbschuld ab – wenngleich ich das Unrecht im Dritten Reich niemals entschuldigen würde, im gesamten fürchterlichen Umfang.

Dass ich dieses Prinzip zu kämpfen nicht immer durchhielt, kann man daran ablesen, dass ich ohne Abschluss das Gymnasium verließ, es war mir offen gesagt zu langweilig, eine Lehre begann um nach drei Angestelltenjahren als Detailkonstrukteur auf dem Abendgymnasium mein Abitur nachzumachen. Danach führte es mich an die Technische Hochschule Darmstadt, wo ich meinen Abschluss als Diplomingenieur des Maschinenbaus mit bestem Erfolg ablegte. Um meine Eltern finanziell nicht zu belasten, nahm ich bis zu drei Jobs neben dem Studium an. Da ich bereits älter war, habe ich schweren Herzens zwei Dissertationsangebote ausschlagen müssen; wer will in der Industrie einen „D“ Punkt „R“ Punkt im Alter von 40 Jahren?

Wenn ich ein Lebensprinzip, das mich durch die gesamte Kindheit begleitete darstellen sollte, so dieses: Ich erlebte aber nicht nur den Wohlstand, sondern auch, dass einem „die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen“. Daraus wuchs das Lebensprinzip: wenn du etwas erreichen willst, kämpfe um das Ziel! Und weil ich oft genug um Freundschaften ringen musste, ist eine mitfühlende Sozialkompetenz entstanden, die immer wieder gegen die Härte des Erreichenwollens ankämpfte.

Künstlerin Ruth Weidenfeld/Schwelm
#25 Künstlerin Ruth Weidenfeldt/Schwelm

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