1.3.1 Alterssicherung und Lebenssicherheit

Was wollen wir Bürger mehr als Lebenssicherheit? Was wollen wir Bürger mehr als Einschätzbarkeit zukünftiger Entwicklungen, um eine Kalkulierbarkeit im Leben zu haben?

Es reicht nicht aus nur die folgende Plattitüde zu sagen: “Das Leben ist generell eine Unsicherheit”. Gerade alte Menschen können das nicht akzeptieren, weil ihre altersbedingte Inflexibilität keine großen Veränderungen zulässt.

Das wollen wir Bürger im Wesentlichen:

eigenes Schaubild auf der Basis der Maslow’schen Bedürfnispyramide
#23 eigenes Schaubild auf der Basis der Maslow’schen Bedürfnispyramide

Der amerikanische Wissenschaftler Maslow, 1908 bis 1970, erkannte, dass Menschen fein abgestufte Bedürfnisse haben, die insgesamt zu seiner Lebenszufriedenheit führen:

Grundbedürfnisse unterteilen sich in
Lebens- Grundbedürfnisse (z.B. Essen, Trinken, Schlafen, körperliches Wohlbefinden, Schmerzfreiheit, Überleben, Sex)
Grundbedürfnisse ermöglichen das Leben, das Überleben und stellen die Basis für die menschliche Existenz dar (es erstaunt schon, dass Maslow Sex als Grundbedürfnis ansieht, weil Sex im Allgemeinen eine besondere soziale Kommunikation darstellt). Lebenszufriedenheit ohne die Erfüllung der Grundbedürfnisse ist existenziell schlichtweg nicht machbar. Es ist jedoch nicht einfach zu definieren und individuell sehr unterschiedlich, in welcher Quantität und Qualität das Minimum an Vorhandensein der Grundbedürfnisse zur Lebenszufriedenheit führt.

Sicherheitsbedürfnisse unterteilen sich in
Materielle, ideelle Sicherheit (z.B. Existenzsicherung, Gesetze und Regeln, berufliche Sicherheit, geregelte Alterssicherung)
Materielle Sicherheitsbedürfnisse definieren die Möglichkeiten und deren Realisierung zum Erwerb der Lebens- Grundbedürfnisse in jeder Lebensphase. In der

  • Juvenilphase,
  • Erwerbsphase,
  • Nichterwerbsphase und
  • Rentenphase

muss ausreichender und als fair empfundener materieller Erwerb gesichert sein. Diese materiellen Sicherheitsbedürfnisse dürfen nicht nur kurzfristig sondern langfristig gesichert und als solche von den Menschen als sicher empfunden sein; nur Zuverlässigkeit ist eine positiv wahrgenommene Qualität.

Ideelle Sicherheitsbedürfnisse sind solche, die die vorgenannten Lebensphasen unterstützen und deren Existenz die Mitbürger beruhigend als Basis eines zufrieden empfundenen momentanen und perspektivischen Lebens empfinden. In allen Phasen ist es die Rechtssicherheit möglichst konkret beschriebener Rechte (im Sinne von Garantien), die das Gefühl von Lebenszufriedenheit ermöglicht. Allgemeine Formulierungen, wie man sie im Grundgesetz findet, die oft genug Formulierungen wie „Näheres kann durch Bundesgesetz bestimmt werden“, „Das Nähere regeln Bundesgesetze“ oder „Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“ (wer will die primäre Forderung nach „andere Abhilfe“ vor im Zweifel von staatlichen Institutionen anweisenden Gerichten durchsetzen?), nutzen überhaupt nicht, weil sie implizite Ausnahmen enthalten (können), die eine scheinbare Garantie widersprechen.

Wenn FOCUS am 11.09.2016 resignierend schreibt „Worauf können sich Fondsanleger überhaupt noch verlassen? Zumindest nicht auf den Gesetzgeber“, weil die Politiker sich nicht an eine Rechtszusage bei der Einführung der Abgeltungsteuer 2009 gehalten haben, Wertzuwächse bei Aktienfonds bleiben auch nach Jahrzehnten steuerfrei, dann kennzeichnet das genau den Verlust ideeller Sicherheitsbedürfnisse. Ein Bürger, der sich nicht mehr auf staatliche Zusagen verlassen kann, der wendet sich vom Staat ab, der wird frustriert gegebenenfalls sich auch von dem staatlichen Rechtssystem verabschieden! (Sagen Sie bitte nicht, ‚wegen eines „kleinen“ politischen Fehlers ist es doch nicht vorstellbar, dass Bürger derartig radikale Schritte unternehmen – doch, es ist möglich, es ist nicht nur möglich sondern wahrscheinlich, weil das Sich-betrogen-Fühlen sehr individuell empfunden wird).

Ganz kritisch wird es bei dem Thema ideelle Sicherheitsbedürfnisse, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel zur 60 Jahrfeier ihrer CDU öffentlich verkündet: die Deutschen hätten keine Garantie auf Demokratie; Frau Merkel, das wurde im Internet sehr oft besprochen, gibt die Grundlage unserer Gesellschaftsordnung preis! Suchen Sie einmal in dem höchsten Gesetz, das Deutschland hat, dem Grundgesetz, nach dem Wort „Demokratie“ – Sie werden es nicht finden! Tatsächlich werden die ideellen Sicherheitsbedürfnisse durch die real existierende Demokratie mit Füßen getreten. Stattdessen gibt es hohle Sprüche der Politiker, von denen einer der Bedeutendsten ist: „Die Rente ist sicher“. Semantisch analysiert muss man sagen, Herr Blüm hatte recht. Renteneinzahlungen sind sicher; was aber macht ein Rentner mit einer Rentenauszahlung, deren Höhe gerade einmal dazu reicht, eine Wasserrechnung zu bezahlen? Was dieser Politiker wollte, war klar: er wollte dem ideellen Sicherheitsbedürfnis der Bürger nachkommen, die immer öfters sich seit Jahrzehnten fragten „reicht meine Rente für das Alter aus?“

Sehr konkret gesagt: Politiker stehen vor dem Problem, eine ideelle Sicherheitsgarantie abzugeben, die 30 oder sogar 50 Jahre gilt; eine solche Sicherheitsgarantie würde eine perspektivische Vorausschau für solche Zeiträume erfordern. Noch wird die letzte Trumpfkarte der Politiker nicht gezogen „das Leben ist immer ein Risiko“;

# 2: Internetseite pixabay.de
# 3: Internetseite pixabay.de

mit diesem Argument wird die Verantwortung auf die Bürger abgewälzt. Ist es das, was wir als Befriedigung der ideellen Sicherheitsbedürfnisse erwarten? Ich habe meine Zweifel.

Soziale Bedürfnisse unterteilen sich in
emotionale Sicherheit, kulturelle Sicherheit (z.B. Liebe, Freundschaften, Zugehörigkeit zu einer Gruppe, kulturelle Stabilität, Gerechtigkeitsgefühl).
Die sozialen Bedürfnisse gehören zur untersten Gruppe der immateriellen Bedürfnisse. Theoretisch kann die Spezies Menschen ohne Kontakte zu anderen überleben, vielleicht nicht beliebig lange, so jedoch für einen bestimmten Zeitraum. Es gibt ja auch Mitbürger, die etwas weniger intensiv andere Mitbürger suchen, die sich nur begrenzt wohlfühlen, wenn sie mit anderen Mitbürgern in engem Kontakt stehen. Man kann daraus ableiten, dass soziale Bedürfnisse von jedem Mitbürger anders definiert werden; jeder entwickelt sein eigenes Erfüllungsprofil der Befriedigung.

Zur emotionalen Sicherheit gehören zum Beispiel die Merkmale

  • Liebe
  • Freundschaften
  • Zugehörigkeit zu einer Gruppe

Zufriedenheit, Glücksgefühl des Lebens entsteht bei einem als kongruent wahrgenommenen Liebesgefühl. Quelle dieses Liebesgefühls kann zum Beispiel sein Partnerschaft/Ehe in ihren kongruenten prioritären Ausprägungen.
Die Merkmale Freundschaften, Zugehörigkeit zu einer Gruppe sind sicherlich individuell verschieden; es gibt Mitmenschen, die nur einen sehr geringen Bedarf an diesen Merkmalen haben, die sich nicht glücklicher fühlen, wenn sie sehr zurückhaltende Freundschaften und keine stringente Zugehörigkeit zu einer Gruppe haben – das gilt auch im gegensätzlichen Sinne.

Zur kulturellen Sicherheit gehören zum Beispiel die Merkmale
Systembeständigkeit, Veränderungen alters- und niveaugerecht vermitteln, “Altes” nur sehr bedingt ändern …
Wenn man unlängst die Schlagzeile bei n-tv lesen konnte “Ist es Zeit für einen muslimischen Bundespräsidenten?”, dann wachsen bei mir Zweifel, dass diese Politik von den älteren Mitmenschen beaht wird, weil gleichzeitig ca. 70 Prozent der Bürger, entsprechend einer Umfrage, sagen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen DGVN schreibt auf ihrer Internetseite “Kanada hat sich zum Anwalt einer Definition gemacht, die Menschenrechte und unmittelbare Bedrohungen der persönlichen Sicherheit in den Mittelpunkt ihrer Konzeption stellte und legte damit den Schwerpunkt auf die Freiheit von Furcht”. Was ist aber eine “unmittelbare Bedrohung”? Unmittelbarer Schaden nach dem US- Recht ist ein direkt eigetreter Schaden, eine direkt eingetretene Bedrohung. In Analogie (nicht juristisch belegt) wäre eine unmittelbare Bedrohung eine direkt eigetretene Bedrohung. Die nächste Schwierigkeit folgt sofort: “Bedrohung”. Das ist ein höchst individuelles Gefühl und daher nicht vollständig juristisch definierbar. Das deutsche Strafgestzbuch besagt (beachte Absatz 2):

§ 241 Bedrohung
(1) Wer einen Menschen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer wider besseres Wissen einem Menschen vortäuscht, daß die Verwirklichung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bevorstehe.

Bedrohung wird also lediglich unter der Rubrik “Verbrechen” definiert. Das Grundgesetz besagt zwar (beachte Absatz 2):

GG Artikel 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

einen gewissen Persönlichkeitsschutz, der aber nach dem StGb nur relativ ist.

Innerhalb des Feldes „Soziale Bedürfnisse“ ist das Element „Gerechtigkeitsgefühl“ höchst problematisch: was ist gerecht? Gerechtigkeit wird individuell empfunden; es wird sowohl der eigene Status (Erfahrungen, Vergleiche mit der eigenen Historie, u.a.) als auch der Vergleich zu Dritten bemüht, um eine Einschätzung zur persönlichen Gerechtigkeit zu treffen. Nichts ist zerstörender als das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Keine Frage ist schwieriger als die Definition „Gerechtigkeit“. Wenn Hayek der Überzeugung ist „es gebe für die Ergebnisse des Marktprozesses keine Kriterien, an denen sich eine gerechte Verteilung messen ließe“, so kennzeichnet dies die Schwierigkeit, Gerechtigkeit auf einen allgemeingültigen Stand zu setzen. Wenngleich eine solche Hayek- Betrachtung aus wissenschaftlicher Sicht richtig sein mag, für den individuell betroffenen Bürger hilft eine solche Betrachtung nicht: er wird Ungerechtigkeiten für sich spüren.

ICH Bedürfnisse unterteilen sich in
Wertschätzungsbedürfnisse (z.B. Anerkennung, Ruhm, Aufmerksamkeit oder Selbstbestätigung)
Wertschätzungen entstehen aus intakten sozialen Beziehungen, indem ein Dritter Elemente der Persönlichkeit oder eine bestimmte Leistung verbal oder nonverbal würdigt und die Persönlichkeit, die diese Würdigung erfährt

  • in der Lage oder willig ist, Würdigungen vorurteilslos zu empfangen,
  • Würdigungen als wahr anzunehmen und zu verarbeiten und
  • Würdigungen nach bewusstem Wahrnehmen nicht umzudeuten.

Bei den Reportagen über die Paralympics in Rio de Janeiro 2016 ist mir ein paralleler Gedanke aufgefallen: Wertschätzungsbedürfnisse bedürfen auch dem eigenen Respekt vor der eigenen Leistungsfähigkeit. Aber gerade ältere Mitbürger stellen sich die Fragen

  • was konnte ich „damals“?
  • was kann ich „heute“?

und können genau an dieser Differenz verzweifeln. In unserer Gesellschaft haben wir nicht gelernt alt zu werden, weil am Alter verdient die Ökonomie kaum, insbesondere, wenn es um Seinsfragen geht. In dieser ach so perfekten Gesellschaft ist nur dann ein Thema wichtig und aufzunehmen, wenn dieses Thema marktwirtschaftlich verwertbar ist; ideelle Fragen sind außen vor.

Selbstverwirklichungsbedürfnisse unterteilen sich in
Selbsterfüllung und Freiheit der Lebensgestaltung, Maslow ging davon aus, dass erst dann eine höhere Stufe angestrebt wird, wenn die Bedürfnisse der darunterliegenden Stufe erfüllt sind. Ob das in unserem heutigen Informationszeitalter noch richtig ist, kann bezweifelt werden, weil wir mit allen diesen Ebenen fast täglich konfrontiert sind und wir uns damit beschäftigen; allein die Beschäftigung verursacht den partiellen Wunsch nach Elementen der jeweiligen Ebene.

eigene Darstellung: Überlappung der Bedürfnisebenen
#28 eigene Darstellung: Überlappung der Bedürfnisebenen

Eine aus Sicht des Autors verbesserte Darstellung ist vorherstehende.

Grundbedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, Soziale und ICH Bedürfnisse überlagern sich zu jeder Zeit des Lebens. So macht zum Beispiel oft die Beschaffung der Grundbedürfnisse ohne Realisierung ausreichender Sozialen Bedürfnisse wenig Sinn.

Grundsätzlich können wir sagen, dass Lebenssicherheitsgefühle auf einer gewissen und gefühlten Berechenbarkeit im Leben fußen; Zukunft sollte nicht zu drastischen und unbeherrschbaren Einschnitten führen. Die Vielfalt der äußeren Einflüsse auf unser Leben sollten nicht zu einer völlig neuen Lebenskonzeption zwingen, die insbesondere die ehemaligen Maßnahmen des frei gestalteten Lebens überflüssig machen.

Wir sollten uns bewusst sein: was immer wir tun im Leben schätzt unser Erfahrungsgehirn ein, bewusst oder unbewusst (gibt es das wirklich? sicherlich gibt es das bewusst-gesteuerte Denken wie auch das unbewusst-ungesteuerte Denken), ob das, was wir tun, unserer Sicherheit oder unserem Wohlbefinden nützt.

Wir haben eine gute Grundlage uns wohlzufühlen, wenn wir im Leben nicht allzu viele Einschnitte erleben, insbesondere solche, von denen wir das Gefühl haben, ihnen nicht Herr werden zu können: die Unwägbarkeiten (Imponderabilien) des Lebens. Oft genug jedoch holt uns die Realität im Leben ab, das ist die Lebenswirklichkeit; manche Mitbürger wollen die Lebenswirklichkeit durch Lebensträume verdrängen; manche Politiker und insbesondere auch Verführer aus dem Privaten oder der Industrie wollen uns in den Lebensträumen emotionale gefangen nehmen – das ist einfacher und für Verführer nützlicher, als die Lebenswirklichkeit zu vergegenwärtigen.

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