1.3.2 Alterssicherung und Lebenswirklichkeit

Alterssicherung – was ist das?

Reden wir von einer sozialen (Ab)Sicherung? Wer das unter Alterssicherung ansieht, der hat die persönliche und ehrlich gemeinte Nähe anderer im Alter im Blick. Die Realität sieht jedoch so aus, dass durch den wachsenden Egoismus und den wachsenden finanziellen Engpass der Nächste nur noch als Geber zumeist angesehen wird. Und auch die Philosophen der kirchlichen Hohepriester, die jeden Sonntag ihre Segnungen sprechen, sehen in denen, die in die Kirchen rennen, nichts als Geber des herumgereichten Klingelbeutels. Schöne Visionen vom gnadenvollen Leben danach sollen uns alle bereit machen im Hier und Jetzt zu geben. Kirchen von heute haben den modernen Ablasshandel erfunden.

Und Lebensfreunde? Sie relativieren sich, wenn die letzten Jahre, Monate, Stunden beginnen. Wer schon einmal erlebt hat, dass die Familienmitglieder einen Lebensfreund nur noch als potentiellen Testamentbeteiligten höchst misstrauisch ansieht, nicht wahr, Natascha (oder wie du auch immer heißen mögest), der erlebt den sozialen zwischenmenschlichen Verbund verdammt anders: der Humanismus verkommt zum pekuniären Element.

Und der Ehepartner? Ja, hier unterscheidet sich Lebensliebe! Bei wie vielen Ehen wird der Lebenspartner als Goldesel angesehen! Bei wie vielen Ehen wird der Lebenspartner als Treuester aller Treuen, als Selbstverwirklichung und -erfüllung in der Gemeinsamkeit angesehen? An der Zahl der Tränen bei der Bestattung wird man die Wahrheit nicht erkennen. Und wenn dann bei dem sogenannten Leichenschmaus sich die Verwandten um die letzten Lachsbrötchen zanken, dann weiß man, wie viel soziales Miteinander im Leben wirklich vorlag.

Und der Staat? Bei dem Gedanken schüttle ich mich vor Lachen! Der Staat sieht in uns Bürgern nichts als wandelnde Geldbeutel. Und wenn dann im Regierungsfernsehen Beerdigungszeremonien von politischen Honoratioren übertragen werden, dann deshalb, um dem politischen Theater einen Anstrich von Humanismus mitzugeben.

Das Leben geht weiter – auch ohne ihn/sie.

Wie realistisch sollte man Lebenswirklichkeit betrachten?

Oh je, wenn wir eben den sozialen Weg beschritten haben, wenn wir gesehen haben, dass fast jeder den Anderen nur als Bereicherung im wahrsten Sinne des Wortes ansieht, dann sind wir verdammt nahe an der desillusionierten Lebenswirklichkeit. Ja, zugegeben, diese Position hat etwas Bedrückendes, etwas Zerstörendes aber sie ist fast hundertprozentig richtig. Wir alle, die wir auf dieser realen Welt uns temporär aufhalten sind wandelnde Geldbeutel – für jeden.

Wer hat nicht in seinem familiären Umfeld die Aussage gehört: ich hoffe, dass Gott mich bald abholt (zu sich nimmt). Wenn das Leben nur noch zur Last geworden ist, der Sohn, die Tochter leben 600 Kilometer entfernt, weil der Arbeitgeber dort Arbeitsplätze zum Lebensunterhalt angeboten hat, dann relativiert sich Lebensglück, dann kannst du die 1550 Seiten der sogenannte “Heiligen” Schrift, 624.952 Wörter, von insgesamt etwa 40 Herren- Autoren geschrieben, in die Tonne schmeißen (ich weiß, für diese Worte werde ich einmal in der Hölle Qualen erleiden). Wer ehrlich und total nüchtern auf sein Leben zurückblickt, der ist weit, weit entfernt von Lebensglück.

Nehmen Sie sich bitte die Zeit zu lesen, was vor mehr als einhundertsiebzig Jahren geschrieben, publiziert in deutscher Sprache 1845 und 1892, wurde:

Vor der Einführung der Maschinen geschah die Verspinnung und Verwebung der Rohstoffe im Hause des Arbeiters. Frau und Töchter spannen Garn, das der Mann verwebte oder das sie verkauften, wenn der Familienvater nicht selbst es verarbeitete. Diese Weberfamilien lebten meist auf dem Lande, in der Nähe der Städte, und konnten mit ihrem Lohn ganz gut auskommen, da der heimische Markt noch für die Nachfrage nach Stoffen entscheidend, ja fast der einzige Markt war und die mit der Eroberung fremder Märkte, mit der Ausdehnung des Handels später hereinbrechende Übermacht der Konkurrenz noch nicht fühlbar auf den Arbeitslohn drückte. Dazu kam eine dauernde Steigerung der Nachfrage im heimischen Markt, die mit der langsamen Vermehrung der Bevölkerung Schritt hielt und also sämtliche Arbeiter beschäftigte, und dann die Unmöglichkeit einer heftigen Konkurrenz der Arbeiter gegeneinander, die aus der ländlichen Vereinzelung ihrer Wohnungen entstand. So kam es, daß der Weber meist imstande war, etwas zurückzulegen und sich ein kleines Grundstück zu pachten, das er in seinen Mußestunden und deren hatte er so viele als er wollte, da er weben konnte, wann und wielange er Lust verspürte bearbeitete. Freilich war er ein schlechter Bauer und betrieb seine Ackerwirtschaft nachlässig und ohne viel reellen Ertrag; aber er war doch wenigstens kein Proletarier, er hatte, wie die Engländer sagen, einen Pfahl in den Boden seines Vaterlandes eingeschlagen, er war ansässig und stand um eine Stufe höher in der Gesellschaft als der jetzige englische Arbeiter.

Auf diese Weise vegetierten die Arbeiter in einer ganz behaglichen Existenz und führten ein rechtschaffenes und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, ihre materielle Stellung war bei weitem besser als die ihrer Nachfolger; sie brauchten sich nicht zu überarbeiten, sie machten nicht mehr, als sie Lust hatten, und verdienten doch, was sie brauchten, sie hatten Muße für gesunde Arbeit in ihrem Garten oder Felde, eine Arbeit, die ihnen selbst schon Erholung war, und konnten außerdem noch an den Erholungen und Spielen ihrer Nachbarn teilnehmen; und alle diese Spiele, Kegel, Ballspiel usw., trugen zur Erhaltung der Gesundheit und zur Kräftigung ihres Körpers bei. Sie waren meist starke, wohlgebaute Leute, in deren Körperbildung wenig oder gar kein Unterschied von ihren bäurischen Nachbarn zu entdecken war. Ihre Kinder wuchsen in der freien Landluft auf, und wenn sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen konnten, so kam dies doch nur dann und wann vor, und von einer acht oder zwölfstündigen täglichen Arbeitszeit war keine Rede.

Was der moralische und intellektuelle Charakter dieser Klasse war, läßt sich erraten. Abgeschlossen von den Städten, in die sie nie hineinkamen, da das Garn und Gewebe an reisende Agenten gegen Auszahlung des Lohns abgeliefert wurde, so abgeschlossen, daß alte Leute, die ganz in der Nähe von Städten wohnten, doch nie hingingen, bis sie endlich durch die Maschinen ihres Erwerbs beraubt und gezwungen wurden, in den Städten sich nach Arbeit umzusehen, standen sie auf der moralischen und intellektuellen Stufe der Landleute, mit denen sie ohnehin noch durch ihre kleine Pachtung meistens unmittelbar verknüpft waren. Sie sahen ihren Squire – den bedeutendsten Grundherrn der Gegend – für ihren natürlichen Vorgesetzten an, sie frugen ihn um Rat, legten ihm ihre kleinen Zwiste zur Entscheidung vor und gaben ihm alle Ehre, die dies patriarchalische Verhältnis mit sich brachte. Sie waren “respektable” Leute und gute Familienväter, lebten moralisch, weil sie keine Veranlassung hatten, unmoralisch zu sein, da keine Schenken und liederlichen Häuser in ihrer Nähe waren, und weil der Wirt, bei dem sie dann und wann ihren Durst löschten, auch ein respektabler Mann und meist ein größer Pächter war, der auf gutes Bier, gute Ordnung und frühen Feierabend hielt. Sie hatten ihre Kinder den Tag über im Hause bei sich und erzogen sie in Gehorsam und der Gottesfurcht; das patriarchalische Familienverhältnis blieb ungestört, solange die Kinder noch nicht selbst verheiratet waren; die jungen Leute wuchsen in idyllischer Einfalt und Vertraulichkeit mit ihren Gespielen heran, bis sie heirateten, und wenn auch geschlechtlicher Verkehr vor der Ehe fast durchgängig vorkam, geschah dies doch nur, wo die moralische Verpflichtung zur Ehe von beiden Seiten anerkannt war, und die nachfolgende Heirat brachte alles wieder ins gleiche. Kurz, die damaligen englischen Industriearbeiter lebten und dachten auf dieselbe Weise, wie man es in Deutschland noch hie und da findet, in Abgeschlossenheit und Zurückgezogenheit, ohne geistige Tätigkeit und ohne gewaltsame Schwankungen in ihrer Lebenslage. Sie konnten selten lesen und noch viel weniger schreiben, gingen regelmäßig in die Kirche, politisierten nicht, konspirierten nicht, dachten nicht, ergötzten sich an körperlichen Übungen, hörten die Bibel mit angestammter Andacht vorlesen und vertrugen sich bei ihrer anspruchslosen Demut mit den angeseheneren Klassen der Gesellschaft ganz vortrefflich. Dafür aber waren sie auch geistig tot, lebten nur für ihre kleinlichen Privatinteressen, für ihren Webstuhl und ihr Gärtchen und wußten nichts von der gewaltigen Bewegung, die draußen durch die Menschheit ging. Sie fühlten sich behaglich in ihrem stillen Pflanzenleben und wären ohne die industrielle Revolution nie herausgetreten aus dieser allerdings sehr romantischgemütlichen, aber doch eines Menschen unwürdigen Existenz. Sie waren eben keine Menschen, sondern bloß arbeitende Maschinen im Dienst der wenigen Aristokraten, die bis dahin die Geschichte geleitet hatten; die industrielle Revolution hat auch nur die Konsequenz hiervon durchgesetzt, indem sie die Arbeiter vollends zu bloßen Maschinen machte und ihnen den letzten Rest selbständiger Tätigkeit unter den Händen wegnahm, sie aber eben dadurch zum Denken und zur Forderung einer menschlichen Stellung antrieb. Wie in Frankreich die Politik, so war es in England die Industrie und die Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt, die die letzten in der Apathie gegen allgemein menschliche Interessen versunkenen Klassen in den Strudel der Geschichte hineinriß.

Wenn Sie diese geschichtliche Schilderung lesen und erkennen, dass in überaus überschaubarem Rahmen auch vor mehr als einhundertsiebzig Jahren das Leben ein einziger Kampf war, dann erkennen Sie, dass sich gesellschaftlich nicht sehr viel geändert hat. Alles findet heute pekuniär auf etwas höherem Niveau statt – der relative Unterschied hat sich vergrößert. Friedrich Engels hat diese Worte in seiner Beobachtung “Die Lage der arbeitenden Klasse in England” zeitgemäß geschrieben aber wir würden heute nur ein paar Begriffe ändern und schon hätten wir eine höchst moderne Zustandsbeschreibung.

Wenn Friedrich Engels den Prediger von St. Philip’s, Bethnal Green über den Zustand seiner Pfarre zitiert:

Sie [die Pfarre] enthält 1.400 Häuser, die von 2.795 Familien oder ungefähr 12.000 Personen bewohnt werden. Der Raum, auf dem diese große Bevölkerung wohnt, ist weniger als 400 Yards (1.200 Fuß) im Quadrat, und bei solch einer Zusammendrängung ist es nichts Ungewöhnliches. daß ein Mann, seine Frau, vier bis fünf Kinder und zuweilen noch Großvater und Großmutter in einem einzigen Zimmer von zehn bis zwölf Fuß im Quadrat gefunden werden, worin sie arbeiten, essen und schlafen. Ich glaube, daß, ehe der Bischof von London die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese so höchst arme Pfarre hinlenkte, man da am Westende der Stadt ebensowenig von ihr wußte wie von den Wilden Australiens oder der SüdseeInseln. Und wenn wir uns einmal mit den Leiden dieser Unglücklichen durch eigne Anschauung bekannt machen, wenn wir sie hei ihrem kargen Mahle belauschen und sie von Krankheit oder Arbeitslosigkeit gebeugt sehen, so werden wir eine solche Masse von Hülflosigkeit und Elend finden, daß eine Nation wie die unsrige über die Möglichkeit derselben sich zu schämen hat. Ich war Pfarrer bei Ruddersfield während der drei Jahre, in denen die Fabriken am schlechtesten gingen; aber ich habe nie eine so gänzliche Hülflosigkeit der Armen gesehen wie seitdem in Bethnal Green. Nicht ein Familienvater aus zehnen in der ganzen Nachbarschaft hat andere Kleider als sein Arbeitszeug, und das ist noch so schlecht und zerlumpt wie möglich; ja viele haben außer diesen Lumpen keine andere Decke während der Nacht und als Bette nichts als einen Sack mit Stroh und Hobelspänen.

wie weit sind wir vom heutigen Zustand entfernt, wissen wir doch, dass

  • Millionen Mitbürger zu privaten (!) Stellen gehen müssen, um sich dort täglich den Teller Suppe kostenlos abzuholen
  • Millionen Mitbürgerim Dreck nach etwas Essbarem grabbeln, um letztlich nicht zu verhungern
  • Millionen Mitbürger zu Kleiderstellen gehen, um altes Zeug der Wohlhabenden aufzubrauchen
  • Millionen Mitbürger in der Altersarmut untergehen und niemand, auch nicht die Lügenpresse oder das Regierungsfernsehen Wahrheiten berichtet
  • Millionen jugendliche Mitbürger arm sind – arm geboren, arm gestorben
  • unsere Politiker vom “Bildungsdeutschland” schwafeln aber gleichzeitig die Wissensniveaus so weit absenken, dass Bildungszertifikate zum Bekleben von Wänden taugen
  • unsere Politiker den Untergebenen immer intensiver einreden wollen, es reichen doch kleine Wohnställe und man müsse doch nicht so große Wohnungen haben …

diese Aufzählung könnte man ohne Ende fortsetzen. Nein, in den vergangenen 170 Jahren hat sich realiter nichts geändert. Und was sich geändert hat, die Besitztümer von Autos oder Fernsehen (das muss zu dem Erhalt immer wieder nachgekauft werden, weil die Lebensdauer nicht unendlich ist), die Möglichkeit zu Reisen, die Partizipation an Kultur (oder was man dazu zählt), alles das hat uns in der heutigen Gesellschaft noch tiefer in die Abhängigkeit im Hamsterrad gebracht. Gottseidank ist die chemische Industrie so weit, dass wir in der heutigen Zeit länger leben dürfen – um länger im Hamsterrad zu rennen. Früher waren die Mitbürger Sklaven der näheren Herrlichkeit, heute sind die Mitbürger Sklaven des Systems, das heißt, Sklaven derer, die politisch und finanziell höher gestellt sind.

Alterssicherung und Lebenswirklichkeit ist in diesem Blickwinkel betrachtet jämmerlich! Vor 170 Jahren wurden die einfachen Bürger der niedersten Kaste von den Besitzenden ausgebeutet, heute beutet sie jeder aus. Das Leben, der Kapitalismus (beschönigend spricht die Politik von Sozialer Marktwirtschaft) hat sich zu einem Raubtierkäfig entwickelt.

Und unsere hochwohllöbliche sogenannte Demokratie – ein Etikettenschwindel schlimmster Art, getragen von der unheiligen Einigkeit aus Demoskopen und Psychologen. Die Demoskopen haben die Aufgabe, dem Volk aufs lutherische Maul zu schauen und die Psychologen haben die Aufgabe, beginnendes Mißfallen der unteren Kaste in besänftigende Strategien zwecks Beruhigung zu wandeln. Und vorn stehen, wie in der Institution Kirche, gutmütig aussehende Giftschlangen, PolitikerInnen, und leiten die Sklaven zur funktionellen Fortsetzung im gesellschaftlichen Getriebe. Und wehe, Du machst da nicht mit!

dieser Beitrag ist in laufender Bearbeitung!

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