1.3.2.10 Armutsgefährdung und Armut

In diesem Abschnitt geht es darum

  1. zu wissen, wie Durchschnittszahlen berechnet werden (wir alle werden oft in Zeitungs- oder Wortbeiträgen mit dem Wort “Durchschnitt” konfrontiert) und
  2. wer aus der arbeitenden Bevölkerung ist armutsgefährdet beziehungsweise arm.

Wikipedia schreibt zum Thema Armutsgefährdung: Als armutsgefährdet gilt eine Person, die mit weniger als 60 % des mittleren Einkommens (Median) der Gesamtbevölkerung auskommen muss. Diese Einkommensgrenze wird als Armutsgefährdungsschwelle bezeichnet. Es handelt sich um eine relative Einkommensarmut.

An dieser Stelle ein kleiner Ausblick in die Systematik der Statistik zur Klärung des Begriffes Mittelwert – Median

Eine sehr wichtige Maßzahl bei allen Beurteilungen ist der Mittelwert. Wir sind es gewohnt, eine Zahl mit dem Mittelwert zu vergleichen.

Angenommenes Beispiel: ich bin 175 cm groß. Die durchschnittliche Körpergröße deutscher Männer ist 180 cm. Ich schließe daraus: ich bin bezüglich der Körpergröße kleiner als der Durchschnitt deutscher Männer. Ähnliche vergleiche kann man bei

  • persönlichem Vermögen
  • Haushaltseinkommen
  • Kinderzahl

machen. Immer geht es darum, dass eine bestehende Zahl mit einer Durchschnittszahl verglichen wird. Das Problem für Statistiker ist jedoch, wie wird die Durchschnittszahl berechnet? Es gibt den arithmetischen Durchschnitt (Summe aller Zahlen geteilt durch die Anzahl der Zahlen), es gibt den Median (der mittlere Wert einer sortierten Reihenfolge von Zahlen).

Die Berechnung zum Beispiel des mittleren Einkommens als Maßstab für die Berechnung der Armutsgefährdung mittels Median ist richtig, weil der (arithmetische) Mittelwert nach den Statistikvorgaben einer Normalverteilung

Normalverteilung - von StefanPohl - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31516368
#36 Normalverteilung – von StefanPohl – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31516368

entsprechen muss. Wir wissen aber, dass das Einkommen nicht normalverteilt ist. Eine nicht symmetrische Verteilung ist eine schiefe Verteilung (so sagen Statistiker):

Schiefe Verteilung - Von Chrischi - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9020667
#37 Schiefe Verteilung – Von Chrischi – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9020667

Erwin Ebermann schreibt: “Bei der linksschiefen Verteilung (negative skew) liegt der höchste Punkt der Verteilung rechts (d.h. hier befindet sich der Großteil der Einträge), während nach links ein langgezogener Abfall eintritt (d.h. es treten dort selten verwendete Extremwerte auf). In linksschiefen Verteilungen ist der Median größer als das arithmetische Mittel.”

Erwin Ebermann, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Wenn nicht anders angegeben, steht diese Website unter einer Creative Commons 2.0 Lizenz http://www.univie.ac.at/ksa/elearning
#38 Erwin Ebermann, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Wenn nicht anders angegeben, steht diese Website unter einer Creative Commons 2.0 Lizenz http://www.univie.ac.at/ksa/elearning

Da also die Einkommensverteilung (nicht nur in Deutschland) nicht normalverteilt ist sondern eine schiefe Verteilung aufweist, ist der verteilungsunabhängige Kennwert Median als „Mittelwert“ im wahrsten Sinne des Wortes der richtige statistische Parameter: es werden alle Einkommen auf- oder absteigend sortiert, der in der Lagereihenfolge mittlere Wert ist der Median.
Beispiel (wieviel Bargeld- Scheine haben im Durchschnitt 5 Personen im Portemonnaie) :

Bargeld in Euro Bargeld in Euro (sortiert)
120 50
50 120
260 260
550 550
1405 1405

Der Median ist 260 Euro. Der arithmetische Mittelwert ist 477 Euro.

Würde man die Untersuchung bei 6 Personen betreiben, ergibt sich folgendes Bild:

Bargeld in Euro Bargeld in Euro (sortiert)
1710 50
120 120
50 260
260 550
550 1405
1405 1710

Der Median ist 405 Euro. Der arithmetische Mittelwert ist 682,50 Euro.
Warum wird der Median anders berechnet als bei 5 Personen (Merkmalsgruppen)? Da eine gerade Anzahl Daten (Personen) aufgelistet sind, gibt es nicht den in der Reihenfolge mittleren Wert, sondern es gibt die zwei mittleren Werte, hier, 260 Euro und 550 Euro. Für den Median werden diese beiden Werte addiert, also 810 Euro und dann durch 2 geteilt, also 405 Euro.
Man sieht also, dass Statistiken nur dann ein wirkliches Bild abgeben, wenn die Gesetze der Statistik beachtet werden; andernfalls kann bei Nichtbeachtung der Gesetze der Statistik mit einer Scheinobjektiven Darstellung von Zahlen manipuliert werden.
Zurück zu den 60 % des mittleren Einkommens: Es ist völlig unwichtig, welche Größenordnung eine einzelne Person verdient. Wichtig ist das Haushalts- Nettoeinkommen. Man kann aber nicht die einfachen Einkommensdaten nehmen, um zum Haushalts- Nettoeinkommen zu kommen, um das zu berechnen, bis es sogenannte Haushaltsbefragungen durchgeführt; diese führen dann zu dem mittleren Einkommen.

Wer nun hofft, eine aktuelle Statistik über Haushalts- Nettoeinkommen leicht zu finden, dem sei gesagt, dass selbst das Statistische Jahrbuch 2015 des Statistischen Bundesamtes nur Daten bis 2012 aufzeigt. Die Internetseite STATISTICA hat eine Analyse veröffentlicht „Nettoeinkommen und verfügbares Nettoeinkommen privater Haushalte in Deutschland nach sozialer Stellung in Euro“ nach der das Nettoeinkommen privater Haushalte in Deutschland durchschnittlich 2.706 Euro/Monat beträgt, das verfügbare Nettoeinkommen privater Haushalte in Deutschland jedoch nur bei 1.345 Euro/Monat liegt.

Wie ist die Differenzierung Nettoeinkommen und verfügbare Nettoeinkommen zu erklären? Auf das Bruttoeinkommen (von wem auch immer, Rentner ausgenommen – die zahlen einen Sondersteuerbetrag) müssen Steuern und Abgaben geleistet werden:

  • Lohnsteuer
  • Solidaritätszuschlag
  • Kirchensteuer
  • 9,35% Rentenversicherung
  • 8,4 % Krankenversicherungsbeitrag
  • 1,175% Pflegeversicherung
  • 1,5% Arbeitslosenversicherung

Wenn alles durch die zahlende Stelle entrichtet und vom Bruttoeinkommen abgezogen wurde, kommt der Auszahlbetrag auf das Konto; diesen Auszahlbetrag nennt man Nettoeinkommen. Erfährt man durch Untersuchungen von privaten Haushalten, wie deren Kosten sind, beispielweise

  • Wohnung Inventar und Ausstattung, Ersatzinvestitionen
  • Sonderinventar
  • Auto
  • Miete
  • Strom
  • Telefon + Internet
  • Fernsehen
  • Handys, Tablets
  • GEZ
  • sonst Ausgaben (Taschengeld)
  • Restaurant
  • Urlaubsvorlage
  • Arzt, Krankenhaus, Rehabilitation, Medikamente

und berechnet den Durchschnitt der Kosten je Haushalt und zieht diesen Durchschnitt von dem Nettoeinkommen ab, so ergibt sich das verfügbare Nettoeinkommen.

STATISTCA spricht zwar von lebensnotwendigen Kosten und zählt auf Miete, Lebensmittel usw., was aber bedeutet „lebensnotwendig“?

Wie kritisch solche Statistiken sind, verdeutlicht die Internetseite geld.de, indem dort geschrieben wird „In Deutschland ermittelt das Statistische Bundesamt regelmäßig, wie viel Geld ein Privathaushalt als sogenanntes Existenzminimum zum normalen Leben braucht, wobei dieses nicht real für die Mindest-Lebens-Erhaltung die Kosten widerspiegelt. Die von der Bundesbehörde ermittelten Ergebnisse spiegelt ein jeweiliger Regelsatz für Erwachsene für die Leistungen nach Hartz IV wieder. Dies ist jedoch eine in erster Linie politische Kostenermittlung, die zahlreiche notwendige Bedürfnisse der Menschen unberücksichtigt lässt.“

Nochmals: die Ermittlung lebensnotwendiger Kosten ist eine politische Größenordnung. Warum eine politische Größenordnung? Macht man sich klar, dass 2011 7,5 Millionen Mitbürger Sozialtransfers brauchten, unterstellt man, dass die Berechnung lebensnotwendiger Kosten je Monat um 100 Euro zu gering angesetzt sind, dann müssen jährlich 9 Milliarden Euro zusätzlich vom Staatshaushalt gezahlt werden; bei einem Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland mit 316,9 Milliarden Euro sind „nur“ 2,85 Prozent; ein Finanzminister muss aber mit Kommastellen rechnen, so dass Mehrkosten von 9 Milliarden Euro je Jahr beträchtlich wären.

Was macht die Politik? Die Berechnung lebensnotwendiger Kosten wird dirigistisch angepasst, indem das, was lebensnotwendig ist sehr restriktiv definiert wird; beachten Sie: das Statistische Bundesamt ist eine Bundesbehörde und keine unabhängige Einheit, die dem Bundesinnenministerium untersteht – das wiederum heißt, das Statistische Bundesamt nimmt Weisungen des Bundesinnenministeriums entgegen und hat denen zu folgen.

Systemtreue Zeitungen und Verlage vernebeln die Problematik Armut zudem:
Es wird neben „Armut“ von einem weiteren Begriff geschrieben „relative Armut“. Damit soll aufgezeigt werden, dass durch die 60 Prozent Regel für den Betroffenen ja „nur“ die Einkommensrelation zum mittleren Einkommen wichtig ist. Eine besondere Hinterhältigkeit schreibt die ZEITIn Deutschland gilt per Definition als arm, wer als Single weniger als rund 900 Euro netto verdient, bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze je nach Rechnung zwischen 1.870 und 2.450 Euro netto. Das ist natürlich wenig Geld. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir den Kreis der von Armut bedrohten weit fassen – nicht zuletzt im Vergleich mit weniger wohlhabenden Ländern.“

Warum ist diese Argumentation hinterhältig? Wer die Kostensituation Deutschlands mit der in weniger wohlhabenden Ländern als Vergleichsmaßstab ansieht, der betreibt schlimme Propaganda: als ich als Unternehmensberater in Ostchina war, kostete das Kilogramm Kartoffeln rund 2 Eurocent; der ausgezahlte Stundenlohn betrug 0,2 Euro (1 Kilogramm Kartoffeln kosteten in China somit 10 % des Stundenlohns; Stundenlohn in Deutschland beträgt z.B. 12 Euro – 1 Kilogramm Kartoffeln kosten 2,50 Euro – 1 Kilogramm Kartoffeln kosteten in Deutschland somit 20,8 % des Stundenlohns, also relativ das Doppelte).

Fazit: Wer aufrichtig ist, müsste als Faktor die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten Deutschland zu weniger wohlhabenden Ländern hinzurechnen! Alles andere ist böswillige Propaganda, die durch den hinterlistigen Zusatz „Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht mir nicht darum, die Armut kleinzureden“ sich nicht verbessert – natürlich will der Autor die Armut kleinreden.

Kommen wir zurück auf die STATISTICA – Daten, wir sind ja hier immer noch in dem Abschnitt „Armutsgefährdung und Armut“: Nettoeinkommen privater Haushalte in Deutschland 2.706 Euro/Monat, das verfügbare Nettoeinkommen privater Haushalte in Deutschland liegt jedoch nur bei 1.345 Euro/Monat. Zur Berechnung der Armutsgrenze wird jedoch 2.706 Euro/Monat als Basis angesetzt, so dass bei 1.623,60 Euro/Monat die Grenze ist.

Für eine Einzelperson ergibt sich, wie DIE TAFEL.DE schreibt „Die Armutsgrenze bezieht sich in diesem Fall auf statistische Zahlenwerte, meistens das durchschnittliche Einkommen. In der Europäischen Union gelten Personen als arm, die monatlich weniger als 60 Prozent des nationalen Mittelwerts verdienen. In Deutschland sind das ca. 930 Euro.“

Aber ehrlich: solche Betrachtungen über „arm“ oder „nicht arm“ sind theoretischer Natur! Viel wichtiger ist, sich einmal anzuschauen, wie die Armutsgefährdung in Deutschland aussieht – nur dann kommt man der Bedeutung für Renten und Armutsgefährdung näher:

Betroffenheit von Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen - Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung Auszug aus dem Datenreport 2013, Seite 176
#21 Betroffenheit von Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen – Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung Auszug aus dem Datenreport 2013, Seite 176

und hier sehen Sie die Armutsgefährdungsquote in Abhängigkeit von Haushaltsmerkmalen:

Betroffenheit von Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen - Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung Auszug aus dem Datenreport 2013, Seite 172 - 2
#22 Betroffenheit von Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen – Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung Auszug aus dem Datenreport 2013, Seite 172 – 2

Das sind die Beschäftigtenzahlen, Arbeitskreis „Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder” im Auftrag der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder:

Erwerbstätige in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 2008 bis 4. Vierteljahr 2015 Berechnungsstand: Februar 2016, Arbeitskreis „Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder” im Auftrag der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder
# 8 Erwerbstätige in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 2008 bis 4. Vierteljahr 2015 Berechnungsstand: Februar 2016, Arbeitskreis „Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder” im Auftrag der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder

Wie teilen sich diese Erwerbstätigen bezüglich der Armutsquote auf:

Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen (Einkommen < 0,6 Medianeinkommen) - eigene Berechnung Basis off. Daten
#9 Armut in Deutschland nach Bildungs- und Beschäftigungsmerkmalen (Einkommen < 0,6 Medianeinkommen) – eigene Berechnung Basis off. Daten

Rund 2,9 Millionen Personen aus der arbeitenden Bevölkerung mit Arbeitsvertrag zählen heute bereits zu den Armen. Und wenn sie dann in den Ruhestand gehen, dann darf doch niemand glauben, ihnen gehe es besser! Die Armen von heute sind die Altersarmen von morgen! Eine weitere Zahl soll nicht verschwiegen werden: bei 34,21 Millionen Beschäftigten und 2,9 Millionen beschäftigten Armen haben wir unter den Beschäftigten eine Armutsquote von 8,48 Prozent. 8,48 Prozent aller Erwerbstätigen sind damit arm, obwohl sie einer Beschäftigung nachgehen. Das Handelsblatt schreibt zudem über den Niedriglohnsektor, dass es 2011 4,6 Millionen Niedriglöhner gibt. Ursula von der Leyen wird in dem Beitrag vom 30.10.2011 zitiert „Die Frage ist nicht mehr, ob wir einen Mindestlohn haben werden, sondern wie man die richtige Höhe aushandelt“. Damit zeigt sich eine fürchterliche Parteienkongruenz zwischen den sogenannten Volksparteien CDU und SPD: der Niedriglohnbereich (ob 8,00 Euro je Stunde oder welcher auch immer, das ist unwichtig) ist ein MUSS für diese deutsche Volkswirtschaft. 4,6 Millionen Niedriglöhner, das sind 13,47 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, sind die Armen von heute, sind die Altersarmen von morgen.

Wie brutal Zahlen vermutlich geschönt werden, fast ist man geneigt, ein sozialistisches Prinzip der DDR wird angewandt, kann man bei der Frankfurter Allgemeinen nachlesen:

“Arbeitsagentur korrigiert Statistik Zahl der Niedriglöhner seit Jahren überschätzt”

Da fällt plötzlich irgendjemandem ein, die Datenbanken könnten falsch interpretiert worden sein und es ist sicherlich nicht falsch, denkt jemand daran, was vor Jahrzehnten im Osten Deutschlands üblich war:

"Wir haben unseren Plan übererfüllt" - https://pixabay.com/de/deutsch-demokratischen-republik-700256/
#10 “Wir haben unseren Plan übererfüllt” – https://pixabay.com/de/deutsch-demokratischen-republik-700256/

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