1.2.1.6 Gesellschaftliche Strömungen

Vielleicht braucht es das Alter zu erkennen, was wirklich gesellschaftlich ablief und welche gesellschaftlichen Veränderungen bis ins heute alles überragende Thema Alterssicherung reinragen:

Die ersten 20 Jahre nach dem fürchterlichen und in Deutschland durch Flächenbombardement alles zerstörende Zweiten Weltkrieg erforderten härtestes Aufbauarbeiten. Der Kampf um das Überleben, um Lebensmittel, war langsam vorbei. Schon in den 1950er Jahren konnte man erkennen: es ging vorwärts, die Mühen begannen sich zu lohnen, die gedankliche Ausrichtung war, wie wir GEMEINSAM die Zerstörung besiegen würden. Als Mitte/Ende der 1960er Jahre dann die ersten Nachkriegskinder sich an den Hochschulen einschrieben, als man erleben konnte, dass auch das Provisorium lebenswert war, als viele der Jungend erkannten, dass das Grundgesetz eine Beschreibung der individuellen Freiheit enthielt (als Reaktion auf das obrigkeitsstaatliche Denken der Kaiser- und Hitler- Zeit), begann eine Zeit, die wir heute noch spüren.

Es wurde “in” Mitte/Ende der 1960er Jahre zu protestieren. Anlässe gab es genug. Man hatte ja ein verbrieftes Recht dazu.

Individualismus statt Gemeinsinn

Und dieses verbriefte Recht führte dann auch dazu, dass immer mehr der Jugend sich fragten, wie kann ich MEINE Freiheit erleben und durchsetzen. Die Frauenemanzipation wuchs als breite Bewegung. Der Widerstand gegen kirchliche Ethik war Dauerthema. Die sexuelle “Befreiung” begann Mitte/Ende der 1960er Jahre: “Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment”, “Petting statt Pershing”; da passte es, dass die Anti-Baby-Pille erfunden und auf dem Markt war. Die gesellschaftliche Distanz von der Ehe wurde ebenfalls eine breite Bewegung, es war “in” nicht zu heiraten. Immmer mehr Jugend machte das Recht auf freie Entfaltung IHRES Lebensweges zum Dauerthema. Die Anti- AKW Bewegung, Kern der heutigen Partei der GRÜNEN, begann im Bonner Hofgarten. Die Jugend brodelte und begann im Rauschgiftkonsum die totale Flucht von der Realität, während die alten Herren im Bonner Bundestag sich um die aufstrebende DDR, um die Wiederbewaffnung, um die Wehrpflicht kümmerten.

Eine staatliche Ordnung begann erst zu dem Zeitpunkt sichtbar zu werden, als ein kleiner Teil der studentischen Jugend den individuellen Freiheitsdrang in einen gesamtgesellschaftlichen Freiheitsdrang auch gewaltsam zu verändern begannen – die RAF (Rote Armee Fraktion als APO – Außerparlamentarische Organisation) war geboren. Um es deutlich zu sagen, die RAF konnte sich entwickeln, weil führende Köpfe in Deutschland versagten, weil führende Köpfe in Deutschland sich nicht ausreichend positionierten: Individualismus oder Gemeinsinn. Die Parole “Unter den Talaren – Muff von Tausend Jahren” war eine der gedanklichen Kämpfe. Es sollte hinweggefegt werden. Und die zunächst einzelne Bewegung der gesellschaftlichen Veränderungen wurde immer mehr getragen auch von führenden Köpfen in Universitäten und Parteien. Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke und andere waren rhetorisch mitreißende Köpfe, die ihre Freunde zu dem Kampf gegen die obrigkeitsstaatliche Ordnung aufriefen.

Ich habe als Student nie die Diskussion um den Nationalsozialismus erlebt; viele wollen gern die Veränderungsbereitschaft als Reaktion auf das “Dritte Reich” verstanden wissen; in der Tat wurden die studentischen Diskussionen verallgemeinert: es ging allein ganz allgemein gegen die obrigkeitsstaatliche Ordnung:

  • die Ehe, eine antiquierte Form des Zusammenlebens
  • Kinder stören die individuelle Selbstentfaltung
  • der Bürger als Verantwortungsträger gegenüber der Gemeinschaft, dieses Denken verhindert Freiheit – Notstandsgesetzgebung, der Versuch zum gesellschaftlichen Zwang wurde auch brutal bekämpft
  • Frauen, die Unterdrückten seit undenklichen Zeiten mussten sich aus den Zwängen befreien, total

das waren einige der Strömungen. Bis in die Jahre 78/80 hinein wurde dieser Kampf geführt. Die “Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland” veröffentlichte die Zahlen zur Entwicklung der Eheschließungen:

http://fowid.de/aktuelles/einzelansicht/artikel/eheschliessungen-und-trauungen/
Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Eheschliessungen_Trauungen_1953_2008.pdf

Sicherlich ist die Tendenz zur verminderten Eheschließung bereits 1963 erkennbar, aber wir sehen, dass bis in die heutige Zeit insbesondere die kirchlichen Trauungen deutlich zurückgegangen sind. Mit dem Anstieg der Kirchenaustritte ist auch die Gesamtzahl der Ehen, trotz des Zwischenhochs 1978 bis 1991, immer weiter zurückgegangen: Die “Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland” schreibt in ihrer Analyse “In 2008 werden nur noch 27 % der Ehen auch kirchlich getraut“. Dieser Rückgang ist nicht allein eine politische Antwort der Mitbürger, dieser Rückgang kennzeichnet den Verlust der Kirchen, für junge Bürger eine ethische Leitlinie zu sein. Ich behaupte, die seit Ende der 1960er Jahre einsetzende Tendenz, dass keine gefühlte Obrigkeit mehr Leitlinien setzen darf, hat die Auswirkungen bis in die Zukunft:

Bevölkerungsentwickung - Kinder - Statistisches Bundesamt - Prognose
Bevölkerungsentwickung – Kinder – Statistisches Bundesamt 2016 – Prognose

Es ist aus Daten der Vergangenheit festzustellen:

Kinder je Frau, historische Daten - Deutschland Daten: Weltbank http://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN?
Kinder je Frau, historische Daten – Deutschland. Daten: Weltbank http://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.TFRT.IN?

Die Kinderrate ging 1968 bis 1980 dramatisch und kontinuierlich zurück. Meine Behauptung: Individualität hatte Vorrang vor gesellschaftlichen Notwendigkeiten.

Und die Konsequenz ist eindeutig:

Bevölkerungsentwicklung - Daten Statistisches Bundesamt 2016
Bevölkerungsentwicklung – Daten Statistisches Bundesamt 2016

Mit dem Rückgang der Bevölkerung durch Rückgang der Kinderhäufigkeit beginnt das Problem Rentenzahlungen und Rentensystem in aller Schärfe.

Bevölkerungsentwicklung, Berufstätige je Rentner - Daten Statistisches Bundesamt 2016
Bevölkerungsentwicklung, Berufstätige je Rentner – Daten Statistisches Bundesamt 2016

Unter der Maßgabe, dass weiterhin 58,34 Prozent aller Bürger im berufsfähigen Alter einer arbeitsvertraglichen Tätigkeit nachgehen, entwickelt sich die Quote der Anzahl arbeitsvertraglicher Personen je Rentner von derzeit 2,286 auf 1,513 arbeitsvertraglicher Personen je Rentner. Dieser Rückgang entspricht – 33,82 Prozent. Damit stehen 33,82 Prozent weniger umzuverteilendes Geld den Rentenkassen zur Verfügung. Ein gewaltiger Fehlbetrag beu heutigen 213.551 Millionen Euro in der Größenordung von jählich 72.223 Milliarden Euro. Dieser Fehlbetrag ist nach heutigem Bundeshaushalt 299.100 Milliarden 24,15 Prozent – allein für den Ausgleich des Fehlbetrages der Rente durch – ja, verminderte Kinderhäufigkeit.

 

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